U.S. Army Kriegsverbrecherprozesse zum KZ-Komplex Mauthausen/Gusen am Militärgericht Dachau: Case 000-50-5-21, Aussage von Otto Kleingünther [handschriftlich], S. 9931-9965
TitleU.S. Army Kriegsverbrecherprozesse zum KZ-Komplex Mauthausen/Gusen am Militärgericht Dachau: Case 000-50-5-21, Aussage von Otto Kleingünther [handschriftlich], S. 9931-9965
ReferenceDMP.000-50-5-21.9931
Content descriptionSeite: 9931-9965, Kleingünther kam am 15.6.1940 nach Mauthausen, dort wurde sein Dienstgrad als Sanitäts-Scharführer nicht anerkannt und er wurde als SS-Mann eingesetzt. Später wurde er versetzt und arbeitete bis Frühjahr 1942 fast ausschließlich im Truppenrevier. Als er nach Mauthausen kam, waren noch viele Aktive da und alles ging im Laufschritt, doch später kamen viele Reservisten und das Tempo sank. Es gab viele Kommandos, etwa Kläranlage, Straßenbau und den gefürchteten Wiener Graben. Als dort einmal ein ganzer Hügel gesprengt wurde, waren viele Gäste da. Kleingünther beschreibt die Essensrationen der Häftlinge, es seien immer 2500 Kalorien pro Tag gewesen, sagt er. Er zählt die häufigsten Erkrankungen und Todesursachen im Lager auf. Viele Unfälle gab es auf der "Himmelsstiege", wie er die Treppe in den Wiener Graben nennt, vor allem bei Regenwetter. Auch die Prügelstrafen führten zu vielen Verletzungen. Die Ärzte und Sanitäter waren gegen diese Prügelstrafen, doch Ziereis war das egal. Obersturmführer Bachmayer hatte auch zwei Doggen, dauernd kamen Häftlinge mit Bisswunden ins Revier. Man versuchte mehrfach, die Doggen zu vergiften, doch später wurde eine erschossen, was Bachmayer sehr wütend machte. Ziereis herrschte im Lager uneingeschränkt, niemand konnte sich gegen ihn behaupten. Bachmayer und Ziereis kamen eines Tages ins Revier und suchten Häftlinge aus, meist solche mit großen Verbänden, die wurden auf eine Liste eingetragen, später kamen diese Häftlinge nach Hartheim. Kleingünther sagt, er schwindelte immer ein paar Namen aus der Liste heraus. Dennoch wurde die Schonungsbaracke (hatte mit Schonung nichts zu tun) ziemlich leer geräumt. In der Schonungsbaracke wren die Infektionskranken. Seuchenkranke wurden vom Rest getrennt, das hatte man aus den vielen Seuchentoten in Gusen gelernt, erklärt Kleingünther. Dort waren tausende daran gestorben, überdies auch 80 SS-Männer. In Mauthausen waren die Seuchentoten geringer. Es gab auch viele TBC-Kranke, Krebstote, etc. Bei einer Besprechung eines Tages erklärte Krebsbach, dass ein Befehl gekommen sei, dass unheilbar Kranke in Zukunft euthanisiert werden sollen. Die betroffenen Häftlinge wurden mehrfach von Häftlingsärzten untersucht und dann auch von einem SS-Arzt bevor eine Entscheidung fiel. Die Injektionen wuden nur in bewusstlosem Zustand verabreicht. Neben der Vergasung in Hartheim und den Injektionen kamen noch Erschießungen und Erhängungen vor. Dann gab es noch den Spezialwagen von Ziereis. Den hatten Häftlinge zu einem Todeswagen umgebaut, das war ein Polizeiwagen. Die Erhängungen wurden im Garagenhof ausgeführt, weshalb er auch Galgenhof genannt wurde. Erhängungen wurden auch außerhalb des Lagers durchgeführt, betroffen waren Zivilisten, die verurteilt waren. Das passierte in den Ortschaften. Er weiß von einer Gruppe Frauen, die vergast wurde, weitere Frauen in Häftlingsanzügen wurden erschossen. Auch eine Gruppe von Wienern wurde erschossen, denen kommunistische Propaganda vorgeworfen wurde. Später wurde auch ein Bordell errichtet, das nur mit einer Marke betreten werden durfte, was zu Eifersüchteleien führte. Die Diebstähle stiegen an und es gab häufig Untersuchungen. Die Frauen wurden hie und da ausgetauscht und kamen meist aus Ravensbrück. Die Auswahl traf der Lagerführer persönlich in Ravensbrück. Es gab auch einige Kastraten in Mauthausen, die Kastrationen wurden aber nicht im Lager durchgeführt. An diesen Personen wurden besondere Versuche gemacht. Sie bekamen etwa Hormone, außerdem wurden sie alkoholisiert und dann zu den Frauen ins Bordell geführt. Danach wurden Untersuchungen an Sperma durchgeführt, dass offenbar die Prostatadrüse anstelle der Hoden produziert hatte. Nach einiger Zeit wurden diese Versuche aber abgebrochen. Operationen wurden zunächst von SS-Ärzten mit mehr oder weniger Erfolg durchgeführt, bis Dr. Podlaha kam. Podlaha war zuerst im Wiener Graben als Steinträger tätig und kam aufgrund eines Notfalles ins Revier. Weil er so erfolgreich war, kamen bald auch die SS-Führer und ihre Familien zu ihm. Als fast keine Medikamente mehr da waren, fuhr Kleingünther ein Wochenende auf Urlaub heim und brachte frische Medikamente mit. Der ständige Austausch der Ärzte führte auch im Truppenrevier zu Neid, Angst und Missgunst zwischen den Ärzten. Manche Ärzte trieben sich mehr im Kasino herum und waren oft nur eine Viertelstunde am Tag im Dienst. Aufgrund des Mangels an Medikamenten kam ein jugosl. Häftlingsarzt auf die Idee, Fliegenmaden in eitrige Wunden zu bringen, die für Besserung sorgten. Der Operationsgehilfe Kauffmann war angeblich homosexuell und überdies ein Laienbruder, der vor dem Krieg bei den barmherzigen Brüdern in Linz war. Ein gewisser Nikolaus, Redakteur beim Vorwärts, ließ durch Kleingünther Briefe schmuggeln und kam später frei. Kleingünther sagt, er habe vielen Häftlingen geholfen, viele aus den Klauen von Bachmayer befreit indem er sie ins Revier aufnahm. Raucher waren öfters unterernährt, denn die Nichtraucher konnten ihre Zigaretten gegen Nahrung tauschen, sagt Kleingünther. Die SS-Männer bekamen viel Alkohl und hatten häufig Räusche. Was das kulturelle im Lager betraf, so stand den Häftlingen nur der Musikblock zur Verfügung, dort gab es einige Bücher, Spiele und Zeitungen. Sportlich tat sich mehr. Es gab Fußball und Boxmannschaften, bei deren Spiele auch Ziereis, Bachmayer und andere SS-Führer oft anwesend waren. Während Ziereis die jungen Häftlinge, etwa die Spanier, gut behandelte, war ein solcher menschlicher Zug bei Bachmayer nicht zu sehen. Bachmayer war auch oft im Bordell und beobachteten die Häftlinge durch ein Guckloch, auch Ziereis war öfters dort. Von den Frauen sollte täglich ein Abstrich gemacht werden, um Geschlechtskrankheiten zu vermeiden. Das sollte eigentlich Krebsbach machen, doch meist machte es ein Häftlingsarzt. Krebsbach kam nur selten zur Kontrolle ins Bordell, meist hielt er sich im Truppenrevier auf oder im Standortarztgeschäftszimmer. Krebsbach und Ziereis waren anfangs befreundet, doch durch die Frauen wandelte sich das später in Feindschaft. Die Truppenärzte wechselten so schnell, dass man sie oft nicht einmal kennenlernte und schon waren sie wieder weg. Das ging auch Dr. Lollig in Berlin zurück, der auch selbst einige Male in Mauthausen war und dann geheime Beredungen mit Krebsbach führte. Danach änderte sich oft für manche Häftlingsgruppen die Kost. Weil der allgemeine Gesundheitszustand immer schlechter wurde, stellte Ziereis Krebsbach das Russenlager als Revier zur Verfügung. Eigentlich hätten dort Russen untergebracht werden sollen, daher der Name. Loiblpass war eines der gesündesten Lager, überhaupt das Südlager. Am Loibl kamen nur wenige Todesfälle vor und die resultierten meist aus Unfällen. Die Leichen kamen teils nach Mauthausen oder wurden vor Ort in einem Loch in einem leeren Bachbett verbrannt. Gesundheitszustand und Lebensbedingungen waren am Loibl viel besser. Da auch die Zivilarbeiter im selben Revier betreut wurden, wie die Häftlinge, gab es bessere Medikamente, die aus der Apotheke aus Neumarktl kamen. Die Rezepte stellte der Truppenarzt aus.
Notessehr detaillierte Aussage! Nikolaus ist ein Vorname
Persons keywordOtto Kleingünther, Bachmayer, Franz Xaver Ziereis, Lollig, Josef Podlaha, Kauffmann, Nikolaus
SubjectMassentötung, Häftlingsrevier, Bordell, Lagerarzt, Seuche
LevelItem